Mit X-Terminals zum vernetzten Klassenzimmer
(Artikel für BUS)
Nachdem Forderungen nach vernetzten Klassenzimmern auf weitestgehende Akzeptanz
stößt, wird auch schon allerorts eifrig an Konzepten zur Realisierung
gearbeitet. Diese erfordern jedoch in der Regel bei einer flächendeckenden
und schulartübergreifenden Durchführung geschätzte Aufwendungen
in mehrstelliger Millionenhöhe.Angesichts des Zustands der öffentlichen
Kassen wohl ein Projekt für die lange Bank...(?)Mitnichten. Man muß
nur bei der Suche nach billigeren Möglichkeiten einen Blick über
den Windows-Zaun wagen:
In großen
UNIX-Netzen einiger Großfirmen
ist es seit längerem üblich einen leistungsfähigen Server
zu pflegen, auf dem von entfernter Stelle im Netz gearbeitet wird. Die
Netzcomputer (NC's) sind relativ billig, da sie im Grunde keine
Festplatte, keine Laufwerke sowie weitere Peripheriegeräte benötigen,
sie holen sich schließlich alles was sie zur Arbeit brauchen über
das Netz vom Server in den Arbeitsspeicher. Dieses Prinzip ist selbst in
der DOS-Welt nicht fremd, da man mit einem einfachen »telnet«
derartige Remote-Dienste - leider nur im Textmodus - ausführen kann.
Moderner und komfortabler wäre dagegen ein
Windows-NT-Terminalserver-System,
das aber durch seine etxtrem hohen Kosten und Hardware-Ansprüche genausowenig
für den Etat einer Schule geeignet scheint wie ein kommerzielles UNIX-System.
Wie bei vielen anderen kostspieligen Computerangelegenheiten auch, fällt
das Augenmerk letztlich auf die kostenlosen System-Alternative Linux.
Wie sich herausstellt, sind
X-Terminals auf Linux-Basis nahezu
kostenlos und mit geringen Hardware-Ansprüchen und niedriger Netzauslastung
realisierbar. Die Dokumentation eines entsprechenden Projektes an der
Hauptschule
an der Perlacher Straße in München zeigt, wie mit einer
»least-cost«-Installation ein Netzanschluß in Klassenräumen
realisiert wurde:
Ausgangssituation:
Die Schule ist seit Beginn des Schuljahres 98/99 mit einem vernetzten Computerraum
ausgestattet. Für die jeweiligen Unterrichtszwecke kann an den Schülergeräten
wahlweise mit Windows NT oder Linux gearbeitet werden. Ein
Linux-Gerät
leistet seither zuverlässig seine Dienste als Internet-Gateway,
NFS, NIS, Firewall, Router, Proxy-, Mail-, Web- und File-Server auf
der Basis von SuSE-6.0 im
Runlevel 3.Die Belegung des Computerraumes
ist durch vielen Fachunterricht entsprechend hoch, so dass man sich von
der Überlassung »Entsorgung« ausrangierter PC´s
aus Münchner Ämter eine Entlastung versprach.Sieben 486er
mit 4MB-RAM, 42 MB-HD, ohne CD-ROM und mit MS-DOS 5.2
sind jedoch nicht ohne gehöriger, kostspieliger Aufrüstung und
der Anschaffung von WIN95/98-Lizenzen vernüftig verwendbar. So installierte
man auf den genannten Geräten lediglich eine ne2000-kompatible
Netzwerkkarte und das kostenlosen MULINUX (
http://mulinux.nevalabs.org/
) des Italieners Michele Andreoli als X-Terminals im
lokalen Netz.
Funktionsweise:
Beim PC-Einsatz im Remote-Modus wird nur die Ein- und Ausgabe
zwischen den Serverapplikationen und dem X-Server des
X-Terminals
über die Netzwerkverbindung übertragen, was im Vergleich zu einer
VNC-Übertragung
des kompletten Displays einen erstaunlich niedrigen Datendurchsatz verursacht.
Technik:
Im Grunde genommen könnte auf den
X-Terminals ein herkömmliches
Linux zum Einsatz kommen, die geringe Festplattengröße
läßt dies jedoch nicht. Ausserdem ist bei der Verwendung eines
Mini-Linux-Systems wie etwa auch MULINUX, TRINUX, LEM
oder GREEN-FROG das Grundsystem so klein »getrimmt«,
dass sie auf einer Diskette Platz haben (angenehmer Download). Kein Wunder
also, wenn diese Mini-Linux-Systeme den geringen Arbeitsspeicher
nicht sprengen. Meine Wahl fiel nach dem Antesten mehrerer Mini-Linuxe
auf MULINUX, da bei dieser Version eine brauchbare Dokumentation
beiliegt ( /usr/doc/help ), ausserdem ist sie relativ einfach zur
Netzwerktauglichkeit konfigurierbar ( root:# setup -f -a ).Nach
dem Abarbeiten des Setup-Scripts ist das X-Terminal jedoch noch
nicht fertig, da der lokale X-Server per default lediglich im unbrauchbaren
VGA_16-Modus läuft:
X-Terminal mit SVGA-MODUS einrichten:
Sie benötigen einen PC, auf dem ein älteres
Linux-System
(z.B. SuSE 5.0 - 5.3) läuft, da das
MULINUX-System auf
die alte glibc zugreift. Konfigurieren Sie dort den X-Server
mit einer Auflösung von 600x800 und kopieren folgende Dateien auf
Diskette:
| /usr/X11R6/bin/XF86_SVGA |
| /etc/XF86Config |
Beide Dateien an die entsprechende Stelle im MULINUX
setzen und schließlich noch einen symbolischen Link von
/usr/X11R6/bin/X
zum XF86_SVGA setzen.
Jetzt fehlt nur noch ein Script, das beim Hochfahren des X-Terminals
die Verbindung zum grafischen Login-Prompt (xdm) des Servers
leitet:
Folgendes Script Server.log in /usr/bin ausführbar
machen!
| #!/bin/sh#X-Server wird angewiesen, das #lokale Display als Standardausgabe
zu
#verwenden:
export DISPLAY=:0
#xdm vom Server aufrufen
X -query 192.168.0.1 -ac
#Ende |
In die vorletzte Zeile von /etc/rc.5 editiert man:
Sollte nun der X-Verbindungsaufbau trotz erfolgreichen »
pings
» noch nicht klappen, muß auf Server-Seite der Remote-Zugriff
auf xdm erlaubt werden. Zu diesem Zweck editiert man in die letzte
Zeile von
/usr/X11R6/lib/X11/xdm/Xservers:
| ... :0 local /usr/X11R6/bin/X xterm1:0 foreign
xterm2:0 foreign |
Sollte es nun immer noch nicht klappen, sollte man zunächst »
X&
« auf der Konsole starten und eventuelle Meldungen und
Einträge in /var/log/messages berücksichtigen ...;-)
Auslastungstest:
Die Auslastung der Netzwerkkarte (10/100Mbit Ethernet) am Server
hatte bei 19 arbeitenden
X-Terminals Übertragungsraten zwischen
2,4 und 6,4K, je nach dem welche Anwendungen noch zusätzlich verwendet
wurden (Internet, Imaze).Die gleichzeitige Ausführung lauter verschiedener
Programme auf den X-Terminals füllte den Arbeitsspeicher (128MB)
ab etwa zwölf Anwendungen restlos auf, erst anschließend arbeitete
der Server merklich langsamer, da bei der Vollast etwa 70MB »ausgeswapt«
wurden.Zum Einsatz kamen bei dem Test verschiedene Spiele aber auch Speicherfresser,
wie Netscape und Staroffice.
Natürlich ist die Auslastung des Servers deutlich geringer, wenn
alle X-Terminals gleiche Anwendungen bedienen, da die »libs«
schließlich nur einmal geladen werden.
Fazit:
Nachdem ein X-Terminal läuft kann es beliebig oft gespiegelt
werden, lediglich die IP-Adresse sollte abgeändert werden. Allen Usern
und Gruppen stehen ohne zusätzlicher Konfiguration ihre gewohnten
Profile zur Verfügung, das heißt zum Gebrauch der X-Terminals
entsteht kein zusätzlicher Administrationsaufwand. Würde man
an den 16 Clients im Computerraum Staroffice auf Linux im
lokalen Modus verwenden wollen, stellt man fest, dass deren Arbeitsspeicher
von 32 MB etwas zu gering sind. Die Anwendung wird bei der Ausführung
also merklich langsamer. Alle Geräte nun auf 64 MB aufzurüsten
ist nach einfacher Rechnung wesentlich teurer, als wenn man den Server
mit weiteren 128 MB bestückt...
Sollte man zu guter letzt der Schulleitung für jeden geschenkten
PC ca. 30.- DM für die Netzwerkkarte herausgekitzelt haben, kommt
jedoch die schwierigste Angelegenheit bei der Vernetzung von Klassenräumen:
Der Sachaufwandsträger muß veranlaßt werden die Kabel
vom Computerraum in die Klassenzimmer zu ziehen...
Wichter Hinweis für experimentierfreudige Interessenten:
| Auch wenn Sie MULINUX an einem Rechner mit viel Hauptspeicher
von Diskette booten wollen, richtet das hochfahrende Linux defaultmäßig
/dev/hda1,
die erste Partition der Festplatte am ersten Master-EIDE-Port als
»Swap-Partition« (Auslagerungsspeicher) ein. Sollte
sich in dieser Partition ein Betriebssystem (Windows 95, usw.) befinden,
dann werden ca. die ersten 4000 bits und somit die Definition des
Dateisystems gelöscht! In diesem (meinem) Beispiel konnte keine
einzige Datei mehr hergestellt werden, weil das Dateisystem als solches
gar nicht mehr erkannt wird. Sollte jemand dieses Malheur trotzdem
passieren (wer hat schon ein aktuelles back-up), der kann diskret per email
Tips anfordern, wie man es wieder »hinbiegen« kann. Dazu sind
jedoch vertiefte Hardware und Linux-Kenntnisse vorausgesetzt... ;-) |
Autor:
Thomas Stallinger,ist seit dem Schuljahr 97/98 als Junglehrer an der Hauptschule
an der Perlacher Straße in München tätig, unterrichtet
dort Informatik und betreut die Rechner
email:
stallinger@perla-str.m.by.schule.de
...weitere Informationen unter
http://www.m.shuttle.de/m/perla-str/start.htm